Wikis im Knowledge Management

05.08.2008. at 15:11 1 Kommentar

Wikis, das sind die Web 2.0-Wunderdinger, die Unternehmen stark machen sollen. Wer mit Knowledge Management zu tun hat, kommt nicht selten auf die Idee, es mit Wikis im Firmen-Intranet zu versuchen.

Schnell eingerichtet ist so ein Wiki ja auch, es gibt unzählige, zum Teil frei verfügbare Software-Pakete, die von IT-Fuzzis schnell installiert sind. Doch dann:

Ernüchterung Nr. 1 – Wiki, ein Unbekannter

Niemand weiß, was ein Wiki ist: „Ist das nicht das Lexikon im Internet?“ ist die häufigste Assoziation, die ich gehört habe. Und ja, Wikipedia ist ein Wiki, aber eben nur ein Wiki. Das heißt, Wikis und ihre Funktionsweise sind eben nicht selbst-erklärend, sondern – will man ernsthaft mit einem internen Wiki Knowledge Management betreiben – muss man erklären, wie das funktioniert und muss diesen Prozess begleiten. Selbst wenn man das beherzigt, kommt dann häufig

Ernüchterung Nr. 2 – Wiki, nichts Neues

Das Wiki bleibt leer. Warum nur? Zum Glück habe ich kürzlich diesen Artikel gefunden: Learning and Knowledge Building with Wikis: The Impact of Incongruity between People’s Knowledge and a Wiki’s Information Hier wird von Johannes Moskaliuk und Joachim Kimmerle sehr schön beschrieben, woran das liegen kann. Das ist zwar wissenschaftliche Lektüre, aber mit großartigen Hinweisen für die praktische Verwendung von Wikis.

Doch zunächst – was bedeutet denn Knowledge Building? Die beiden Autoren unterscheiden zwischen 2 Effekten:

  1. individual learning – also der quantitativen und/oder qualitativen Zunahme von Wissen bei einzelnen Individuen und
  2. collaborative knowledge building – der gemeinsame Aufbau von Wissen

Wenn also Wikis dazu dienen sollen, diese beiden Effekte zu erzielen, wovon ist der Erfolg dann abhängig? Wenn man der zitierten Studie traut, dann hat das Ausmaß an Inkongruenz (Nichtübereinstimmung, auf Englisch level of incongruity) einen entscheidenden Einfluß.

Was ist Inkongruenz? Ein Modell von Jean Piaget geht davon aus, dass Menschen stets versuchen, ein Gleichgewicht zwischen ihrem eigenen Wissensstand und Informationen aus ihrer Umwelt herzustellen. Steht neue Information nicht im Einklang mit bisherigem Wissen, werden kognitive Konflikte ausgelöst. Um diese zu beseitigen, kann man sich zweier Mechanismen bedienen: Assimilation (dabei verwenden Menschen bisheriges Wissen, um die neue Information aufzunehmen) oder Akkomodation (dabei ändern Menschen ihr bisheriges Wissen, um es mit der neuen Information in Einklang zu bringen). In dem ersten Fall handelt es sich also um quantitative, im zweiten um qualitative Zunahme von Wissen.

Wikis: Externer und Interner Wissensaufbau

Die Prozesse der Assimilation sowie der Akkomodation können bei der Verwendung von Wikis sowohl intern als auch extern erfolgen. Intern heißt, dass diese beiden Prozesse im Zuge des individuellen Lernens erfolgen, extern heißt, dass sie sich im Wiki niederschlagen: Durch quantitative oder qualitative Anpassung der Wiki-Inhalte.

Zusammengefasst im Zitat (Moskaliuk/Kimmerle: Seite 2):

Altogether, the co-evolution of cognitive systems and the social system which in turn allows for individual learning and collaborative knowledge building is based one four different processes: 1. Internal assimilation which represents the (quantitative) acquisition of factual knowledge. 2. Internal accommodation which represents the (qualitative) acquisition of conceptual knowledge. 3. External assimilation which represents quantitative knowledge building. 4. External accommodation which represents qualitative knowledge building. Internal assimilation and internal accommodation are processes of individual learning. External assimilation and external accommodation present processes of a collaborative knowledge building in reference to the wiki.

Das Experiment

Johannes Moskaliuk und Joachim Kimmerle kommen in einem Experiment zu dem Ergebnis, dass ein mittleres Maß an Inkongruenz (verglichen mit niedriger und hoher Inkongruenz) sowohl das individuelle Lernen (quantitativ und qualitativ) als auch den gemeinsamen Aufbau von Wissen (qualitativ) positiv beeinflussen. Das heißt: Wenn neue Informationen aus einem Wiki mittelmäßig von bisherigen Wissen abweichen, dann ist dies sowohl für individuelles Lernen als auch für den gemeinsamen Wissensaufbau förderlich.

Aus dem Artikel (Seite 7) zitiert:

.. a medium level of incongruity between people’s knowledge and a wiki’s information supports individual learning (internal accommodation and assimilation) and leads to more qualitative knowledge building (external accommodation).

Zurück zu Ernüchterung Nr. 2

Was heißt das jetzt für unser praktisches Problem, dass Wikis häufig leer bleiben? Ich denke, man kann als KM-Verantwortlicher, der Wikis im Unternehmen einsetzt, aus diesen Überlegungen und dem Experiment 2 wertvolle Schlüsse ziehen:

Erstens: Wiki, nur scheinbar nichts Neues

Man sollte sich stets bewusst sein, dass es interne und externe Lernprozesse gibt. Ein Wiki kann sehr wohl zu individuellem Lernen führen, selbst wenn vom kollektiven Wissensaufbau nicht viel zu sehen ist (wenn es also nicht dazu kommt, dass viele User viele Inhalte hinzufügen). Dann wirkt es zwar nicht viel anders als Informationen, die auch in traditionellen Intranets veröffentlicht werden, aber vielleicht hat das Wiki trotzdem noch andere Vorteile: Häufig ist es von den Personen, die Inhalte eingeben, leichter zu bedienen als herkömmliche Content Management Systeme – und das betrifft nicht zuletzt die leichte Vernetzung (Verlinkung) von Inhalten.

In diesem Fall – wenn man zumindest individuelles Lernen beabsichtigt – ist es wohl ratsam, eine kleine Gruppe von MitarbeiterInnen dazu zu bringen, das Wiki aktiv zu befüllen. Eine aktive Beteiligung der „Masse“ ist dann nicht unbedingt notwendig.

Zweitens: Wiki, be (a little) provokative

Ja, Wikis dürfen und sollen ein wenig provozieren. Offenbar ist das eine gute Voraussetzung dafür, dass wir uns mit ihren Inhalten auseinandersetzen (individuelles Lernen) und vielleicht sogar aktiv werden, um die Inhalte quantitativ oder qualitativ zu bearbeiten. Denn auch so lassen sich kognitive Konflikte beseitigen. 😉

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Entry filed under: Interne Kommunikation, Intranet, Knowledge Management, PR-Trends, Social Media, Social Software, Social Web, Studie, Web 2.0, Wikis.

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1 Kommentar Add your own

  • 1. Johannes Moskaliuk  |  22.08.2008. um 15:34

    Danke für die schöne Zusammenfassung unseres Papers.
    Da Du KMU ansprichst, verweise ich gerne auf die Blogreihe in meinem Blog, in versuche „etwas weniger wissenschaftlich“ konkrekte Hinweise für den Einsatz von Wikis in unterschiedlichen Kontexten gebe. Freue mich auf Meinungen und Kommentare.

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